Zwischen Identität und Sicherheit: Ein Balanceakt

Für viele jüdische Familien stellt sich in der aktuellen Situation eine wichtige Frage: Wie kann ich die jüdische Identität meines Kindes stärken und es gleichzeitig schützen? Die Sichtbarkeit jüdischer Identitätssymbole Symbole ist für Kinder identitätsstiftend. Sie steht für Tradition, Zugehörigkeit, Verbundenheit, ist verbunden mit Sinnstiftung und Zukunftsvision.

Für manche Kinder stellt sich die Frage der religiösen Praxis, der sie nur noch in der Familie, oder in jüdischen Einrichtungen nachgehen können. Gleichzeitig wird genau diese Sichtbarkeit zunehmend zur Quelle von Sorge. Zwischen dem Wunsch nach selbstbewusster Identitätsentwicklung und dem Bedürfnis nach Sicherheit entsteht eine Spannung, die viele jüdische Familien derzeit tief bewegt.

Aus Sorge vor Übergriffen wächst bei einigen Eltern zunehmend das Bedürfnis, die (jüdische) Sichtbarkeit ihrer Kinder einzuschränken. Doch genau daraus erwächst ein Dilemma: Die Angst um die Sicherheit und die daraus resultierenden Einschränkungen sind selbst ein Angriff auf die Integrität und Identität der Kinder, ihrer Familien und der gesamten Gemeinschaft.

Wie erkläre ich meinem Kind, dass es das Magen-David-Kette lieber unter dem T-Shirt tragen soll und trotzdem zu sich stehen darf? Wir können und werden doch die Sprache nicht eingrenzen, sie sollen und müssen hier frei leben und an der Gesellschaft teilhaben können.

Dieses Dilemma lässt sich nicht vollständig auflösen. Jede Familie trifft diese Entscheidungen für sich – oftmals situativ, orientiert an dem, was sich im jeweiligen Moment und im Einklang mit der politischen Lage richtig und stimmig anfühlt. Eltern können mit ihren Kindern diese Dilemmata und Spannung offen besprechen und mit ihnen gemeinsam ausloten, warum solche Sicherheits-vorkehrungen notwendig sind.

Kinder haben ein feines Gespür für Ungerechtigkeiten, für manche von ihnen wird es wichtig sein sich dagegen zu erheben, anderen zu helfen, jüdische Identität in geschützten Räumen sicher und mit anderen zusammen auszuleben.

Entscheidend ist: Kinder brauchen die Botschaft, dass sie nicht unsichtbar sein müssen, um sicher zu sein. Und sie brauchen die Erfahrung, dass nicht sie – und nicht ihr Jüdischsein – das Problem ist, sondern die Strukturen um sie herum, die ihre Sichtbarkeit in Frage stellen oder gefährden. Wenn Sie sich Sorgen um die Sicherheit Ihrer Kinder machen, durch die Situation belastet sind, mit antisemitischen Vorfällen konfrontiert sind, melden Sie sich bei uns.

Unsere Berater:innen unterstützen jüdische Familien dabei, mit Erfahrungen von Antisemitismus umzugehen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, sei es im Umgang mit Schule, Kita, Nachbarschaft oder anderen Institutionen.

Dabei steht nicht nur der Schutz im Vordergrund, sondern auch die Stärkung jüdischer Identität und Zugehörigkeit. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich, mehrsprachig und auf Ihre konkrete Lebenssituation abgestimmt.

Bei folgenden Organisationen gibt es Angebote für Kinder und Jugendliche:

  • Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.
  • Makkabi Deutschland e.V.
  • Jüdische Jugendzentren
  • Zentralrat der Juden in Deutschland

Literatur:

  • Marina Chernivsky, Friederike Lorenz-Sinai (2024): Der 7. Oktober als Zäsur für jüdische Communities in Deutschland. In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte 74.25–26
  • OFEK e.V. (2023): Erkennen. Einordnen. Unterstützen (2. Aufl.). Einsehbar unter ofek-beratung.de/materialien
  • Wiegemann, Romina (2023): Are the kids alright? Die Folgen des Anschlags von Halle aus der Perspektive jüdischer Familien. In: Jalta 8: Nachhalle