Stellungnahme zum antisemitischen Angriff auf den AGH-Kandidaten Daniel Eliasson
(veröffentlicht am 1. September 2026)
Am gestrigen Montag wurde der Berliner Politiker Daniel Eliasson im Wahlkampf angegriffen. Eliasson, der in Steglitz-Ost als Direktkandidat antritt, habe nach eigener Schilderung Flyer verteilt, als ein Gesprächspartner sich auf eine aggressive Weise antisemitisch geäußert habe. Eliasson wies ihn an, mit den antisemitischer Rede aufzuhören und gab sich als jüdisch zu erkennen. Daraufhin habe der Mann versucht, ihm ins Gesicht zu schlagen, und dabei weitere antisemitische Beschimpfungen geäußert. Die Polizei gab inzwischen an, dass der Angreifer identifiziert wurde – gegen ihn wird u.a. wegen versuchter Körperverletzung und Volksverhetzung ermittelt. Als Eliasson bei einer Kundgebung aus dem Umfeld der Linksjugend später am selben Tag den Vorfall thematisierte und antisemitische Ausfälle bei der Veranstaltung der Linken Neukölln am vergangenen Wochenende kritisierte, wurde ihm das Mikrofon abgestellt.
OFEK steht solidarisch an der Seite von Daniel Eliasson und verurteilt antisemitische Gewalt aufs Schärfste. Ebenfalls schließen wir uns Eliassons spektrenübergreifender Kritik an sämtlichen Formen von Antisemitismus an. Gerade im Wahlkampf gilt es, jüdische Perspektiven und Erfahrungen nicht parteipolitisch zu vereinnahmen, sondern Antisemitismus auch im jeweils eigenen politischen und gesellschaftlichen Umfeld konsequent zu thematisieren.
Für die Einordnung des Vorfalls ist darüber hinaus die Abfolge bedeutsam. Die Begegnung mit einem konkreten jüdischen Gegenüber unterbrach die antisemitische Rede nicht, sondern die Situation eskalierte eher erst in dem Moment, in dem der Politiker sich als Jude zu erkennen gab. Sobald die Erkennbarkeit des Jüdischen sichtbar wurde, trat die antisemitische Zuschreibung vor die Person. Die Biografie, die politische Position und selbst das, was der Politiker in dieser Situation tatsächlich sagte, traten hinter der Zuschreibung »Jude« zurück. So wurde der Politiker nicht mehr als Person wahrgenommen, sondern als Feindbild für einen bereits bestehenden Affekt. Der Hass entsteht nicht erst in der Interaktion – vielmehr liefert die Interaktion ihm eine Projektionsfläche und einen Träger, an dem er sich konkretisieren und kanalisieren kann.
In dieser Konstellation kann die bloße Sichtbarkeit der jüdischen Zugehörigkeit als Zumutung erlebt werden, denn sie bedroht die Geschlossenheit des antisemitischen Weltbildes, weil sie die Projektion mit einer realen Person konfrontiert. Wo diese Konfrontation nicht ausgehalten werden kann, wird das Gegenüber angegriffen, zum Schweigen gebracht oder symbolisch ausgelöscht. Antisemitismus zielt insofern immer auch auf die Erlösung, auf eine Welt ohne Juden.
Auch das anschließende demonstrative Zeigen des Ausweises verweist auf eine bemerkenswerte Enthemmung: Der Angreifer sah wohl keinen Anlass, sein Handeln zu verbergen oder sich ihm zu entziehen – ein individueller Beleg für einen weit vorangeschrittenen kollektiven Prozess, die Normalisierung eliminatorischer antisemitischer Rhetorik in den öffentlich geführten Debatten. Dieser Prozess bleibt nicht folgenlos: Es entsteht eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der antisemitische Aufladung und Aggression zunehmend legitimiert, enthemmt und schließlich auch in direkte Gewalt übersetzt wird. Die Wut richtet sich ebenso gegen diejenigen, die Antisemitismus als solchen benennen und kritisieren.
Eine Wirkung dieser Agitationen – häufig genug durchaus beabsichtigt – besteht darin, jüdisches Leben zunehmend aus der Öffentlichkeit in die Unsichtbarkeit zu drängen. Im Handeln eines wachsenden Teils der Gesellschaft setzt sich damit eine implizite Grundannahme durch, dass basale Rechte auf Sichtbarkeit, Teilhabe und Zugehörigkeit für Jüdinnen:Juden nur unter Vorbehalt gelten.

