PRESSEMITTEILUNG

Beratungsaufkommen bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung bleibt auch drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 konstant hoch – antisemitische Gewalt schränkt den Alltag der Betroffenen ein

Berlin, 02.11.2026 – Auch drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 bleibt das Beratungsaufkommen bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung konstant hoch und liegt bei einem Vielfachen des Niveaus vor dem 7. Oktober: Von Oktober 2025 bis September 2026 haben die Beratungsstellen von OFEK e.V. bundesweit 1.109 Beratungsfälle aufgenommen, dokumentiert und umfassend beraten. Die vollständige Beratungsstatistik wurde heute veröffentlicht und ist hier einsehbar.

Die Zahlen zeigen eine Verfestigung des hohen Beratungsaufkommens: Trotz wachsender zeitlicher Distanz zum 7. Oktober ist die Zahl der dokumentierten Beratungsfälle nahezu identisch mit derjenigen der zwölf Monate zuvor (1.108). Sie liegt damit etwa dreimal so hoch wie im letzten jährlichen Berichtszeitraum vor dem 7. Oktober. Insgesamt hat OFEK e.V. seit dem 7. Oktober 2023 über 4.000 Beratungsfälle aufgenommen, dokumentiert und umfassend beraten.

Zugleich zeichnet sich eine qualitative Verschärfung ab: Gewalthandlungen, Bedrohungen, Anfeindungen und Diskriminierungen treffen Menschen in nahezu sämtlichen sozialen Sphären und greifen zunehmend in ihren Alltag ein. Dies zeigt sich insbesondere an der Verteilung der gesellschaftlichen Bereiche, aus denen OFEK e.V. Fälle erreichten: In 166 Fällen ging es um Antisemitismus am Arbeitsplatz. Auffällig ist die gestiegene Zahl der Fälle im Wohnverhältnis der Betroffenen (66). Auch in der unmittelbaren Nachbarschaft der Ratsuchenden nahm die Zahl der Fälle zu, darunter 38 Straftaten. Die Häufung antisemitischer Vorfälle im unmittelbaren Lebensumfeld verstärkt das Unsicherheitsempfinden und kann bei den Betroffenen existenzielle Ängste auslösen.

Weiterhin zeigt sich eine Einschränkung der Teilhabe von Jüdinnen:Juden in institutionellen Kontexten: am Arbeitsplatz ebenso wie an Schulen (73 Beratungsfälle), an Hochschulen (69) sowie im Kunst- und Kulturbereich (63). Dem wachsenden Bedarf an institutioneller Beratung, insbesondere zum Schutz und zur Unterstützung der Betroffenen sowie zum Umgang mit antisemitischen Vorfällen, begegnete OFEK e.V. mit 294 Fach- und Krisenberatungen und 139 Fort- und Weiterbildungsterminen. Diese wurden zusätzlich zur Fallberatung geleistet.

In 60 % der Beratungen, in denen Ratsuchende von konkreten Vorfällen und Straftaten berichteten, wurden sie für vermeintliche oder tatsächliche Handlungen Israels verantwortlich gemacht oder antisemitische Gewalt wurde unter Berufung auf den Nahostkonflikt gerechtfertigt. Israelbezogener Antisemitismus bildete damit die häufigste Form der antisemitischen Invalidierung. In den Beratungsfällen zeigte sich, wie der Bezug auf Israel zur Aktivierung und Radikalisierung breit geteilter antisemitischer Feindbilder beiträgt.

Stimmen zur OFEK-Beratungsstatistik 2025/26

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland:
»Antisemitische Schmierereien, Hausverbote für Juden in Hotels, Geschäften und Restaurants lösen in unserer Gesellschaft kaum mehr einen Aufschrei aus. Antisemitismus erreicht Betroffene in nahezu allen Lebensbereichen und nistet sich immer stärker auch in der Mitte der Gesellschaft ein. Antisemitismuskritische professionelle Beratung und Begleitung werden dadurch für die offene Gesellschaft zur Notwendigkeit: Sie geben Betroffenen Schutz und die Möglichkeit, ihre Rechte durchzusetzen. Auch die Institutionen unserer Demokratie brauchen diese Fachberatung, um Vorfälle richtig einzuordnen und Strukturen anpassen zu können.«

Dr. h.c Katharina von Schnurbein, Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus:
»Auch im dritten Jahr nach den Verbrechen des 7. Oktober 2023 verzeichnet OFEK e.V. einen überdurchschnittlich hohen Beratungs-bedarf infolge antisemitischer Angriffe, sowohl auf individueller, als auch auf institutioneller Ebene. Die Begleitung wird immer komplexer, weil die Fälle auf immer längere Zeiträume angelegt sind. Dies zeigt, dass Antisemitismus im Alltag allgegenwärtig ist und eben nicht ereignisgebunden. OFEK e.V. schafft mit seiner Beratung eine unverzichtbare Stütze auf ganz persönlicher Ebene. Hier bekommen die Betroffenen direkte Unterstützung und erleben, dass sie mit der Verarbeitung traumatisierender Erfahrungen nicht allein sind. Der individuelle Heilungsprozess führt auch oft zu positiven Entwicklungen, die der breiten Gesellschaft dienen. Dafür gilt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des OFEK e.V. mein aufrichtiger Dank.«

Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung:
»Die Beratungsfälle von OFEK zeigen deutlich: Jüdische Menschen werden beleidigt, diskriminiert und bedroht, Tag für Tag. Die Fälle betreffen nicht nur das Strafrecht, sondern auch alltägliche, zivilrechtliche Diskriminierungen. Die geschilderten Fälle zeigen auch: Der Antisemitismus kommt aus allen Teilen der Gesellschaft. Gerade jetzt müssen Jüdinnen und Juden wissen, dass der Rechtsstaat funktioniert und sie schützt. Dafür brauchen sie auch ein stärkeren Diskriminierungsschutz im AGG. Der Schutz vor antisemitischer Diskriminierung ist eine nationale Aufgabe.«

Marina Chernivsky, Vorstand und Geschäftsführung, OFEK e.V. – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung
»Die diesjährige OFEK-Beratungsstatistik zeigt eine alarmierende Dynamik. Auch im dritten Jahr nach dem 7. Oktober bleibt der Beratungsbedarf auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Zugleich treten Bedrohungen im unmittelbaren Wohn- und Lebensumfeld und Diskriminierungen am Arbeitsplatz der Ratsuchenden stärker hervor. Allein im Schulbereich dokumentierte OFEK 73 Beratungsfälle, überwiegend wegen Gewalt.
Diese Dynamik verändert die Bedingungen jüdischen Lebens grundlegend: Antisemitismus bestimmt zunehmend mit, wo und wie Menschen wohnen, arbeiten, zur Schule gehen und feiern. In unserer Beratung sehen wir, welche Folgen es hat, wenn Anfeindungen über längere Zeit andauern und Verantwortliche nicht eingreifen. Der anhaltend hohe Unterstützungsbedarf erfordert verlässliche Beratungsstrukturen, die Beschwerden konsequent nachgehen und Betroffene wirksam schützen.«

Über OFEK e.V.

OFEK e.V. ist die erste Fachberatungsstelle in Deutschland, die auf professionelle und Community-orientierte Beratung bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung spezialisiert ist. OFEK e.V. berät Betroffene, ihre Angehörigen und Zeug:innen aller Formen von antisemitischen Straftaten und Vorfällen und bietet je nach Bedarf psychosoziale, psychologische und rechtliche Beratung an. OFEK e.V. hat regionale Standorte in Berlin, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und ist Trägerverein von zwei Meldestellen für antisemitische Vorfälle – RIAS Sachsen und RIAS Sachsen-Anhalt.

Kontakt für Presseanfragen:
Pressesprecher und Leiter Kommunikation
Alexander Rasumny
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