(veröffentlicht am 19.07.2026)
Stellungnahme zu den antisemitischen Vorfällen bei den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt
Die von RIAS Thüringen dokumentierten Vorfälle bei den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag am 4. und 5. Juli 2026 in Erfurt bestätigen eine Entwicklung, die uns aus der Beratungspraxis zunehmend begegnet:
Jüdinnen und Juden sowie Personen, die sich erkennbar gegen Antisemitismus positionieren, geraten selbst bei Protesten gegen rechtsextreme Politik ins Visier antisemitischer Anfeindungen. Dass eine Einzelperson allein wegen einer jüdisch-traditionellen Sudra angefeindet wurde, dass am Infostand von RIAS Thüringen über Stunden hinweg bedrohliche Situationen aufrechterhalten wurden und dass Parolen wie „Tod dem Zionismus“ skandiert wurden, zeigt, wie präsent israelbezogener Antisemitismus mittlerweile auch im Kontext antifaschistischer Mobilisierung ist.
Aus der Beratungsarbeit bei OFEK wissen wir: Für manche Jüdinnen und Juden bedeutet diese Entwicklung einen schmerzhaften Verlust an Handlungsspielraum. Ratsuchende berichten uns immer wieder, dass sie genau überlegen, ob sie sich politisch sichtbar äußern, an Demonstrationen teilnehmen oder jüdische Symbole tragen – aus Sorge, gerade in vermeintlich solidarischen Kontexten angefeindet oder angegriffen zu werden. Diese Erfahrung wiegt besonders schwer, wenn sie sich in Räumen ereignet, die eigentlich für Demokratie und gegen Rechtsextremismus einstehen wollen.
Die von Timo Galki (RIAS Thüringen) beschriebene Erfahrung verweist auf die demokratieschädigende Wirkung von Antisemitismus: Er wirkt nicht nur als Form der Anfeindung, sondern kann den öffentlichen und politischen Raum verändern.
Zugleich zeigt diese Erfahrung bei den Protesten, wie wichtig Solidarität im Moment der Bedrohung ist: Dass die Organisator:innen der Kundgebung (das Bündnis Zusammenstehen und der DGB) nach dem ersten Angriff Schutz bereitstellten und zahlreiche Passant:innen ihre Unterstützung anboten, macht einen Unterschied für Betroffene, auch wenn er die vorausgegangene Belastung nicht aufwiegt.
Unsere Solidarität gilt den Kolleg:innen von RIAS Thüringen.und aller Betroffenen dieser Vorfälle. OFEK unterstützt Menschen, die von antisemitischer Gewalt und Diskriminierung betroffen sind, unabhängig davon, in welchem (politischen) Kontext sich diese Gewalt ereignet. Die dokumentierten Vorfälle machen deutlich, dass Antisemitismus unabhängig vom politischen Kontext konsequent widersprochen werden muss.

