PRESSEMITTEILUNG

Im Schnitt fünf antisemitische Vorfälle pro Woche: Erneuter Anstieg in Sachsen-Anhalt

Magdeburg, 04.06.2026 – Die Anzahl antisemitischer Vorfälle in Sachsen-Anhalt ist 2025 erneut angestiegen: In ihrem Jahresbericht verzeichnet die Meldestelle RIAS Sachsen-Anhalt 270 Vorfälle – ein gutes Drittel mehr als im Vorjahr (202). Damit verstetigt sich der Anstieg seit dem 7. Oktober 2023. Die Ergebnisse der zivilgesellschaftlichen Dokumentation des Antisemitismus im Bundesland wurden am heutigen Donnerstag vorgestellt und können hier eingesehen werden.

Die Gesamtzahl von 270 Vorfällen umfasst einen Fall extremer Gewalt mit schwerer Körperverletzung, zwei weitere physische Angriffe, 19 gezielte Sachbeschädigungen, vier Bedrohungen, 239 Fälle verletzenden Verhaltens und fünf Massenzuschriften. Im Schnitt wurden der Meldestelle RIAS Sachsen-Anhalt in Trägerschaft von OFEK e.V. damit fünf antisemitische Vorfälle pro Woche bekannt. Das nunmehr seit zweieinhalb Jahren andauernde hohe Niveau der Vorfallzahlen beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl vieler Jüdinnen:Juden immens und beeinflusst ihren Umgang mit der eigenen jüdischen Identität nachhaltig.

Mehr als verdoppelt hat sich die Anzahl antisemitischer Vorfälle mit direktem Bezug zum 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Kriegen in Gaza und im Libanon (111 gegenüber 52 im Vorjahr). Besonders sichtbar waren Formen der Delegitimierung und Dämonisierung Israels, die sich sowohl in digitalen als auch in analogen öffentlichen Räumen manifestierten. Dabei wurde tatsächliches oder vermeintliches Handeln des Staates Israel wiederholt zum Anlass genommen, Jüdinnen:Juden in Sachsen-Anhalt anzufeinden, wie etwa bei einem Vorfall im August in Halle, als ein pöbelnder Mann neben rechtsextremen und rassistischen Sprüchen auch „Alle Juden betreiben Genozid“ rief. Die Anzahl der dokumentierten Fälle israelbezogenen Antisemitismus hat sich 2025 fast verdoppelt (von 68 auf 122).

Gleichzeitig ist in Sachsen-Anhalt weiterhin eine große Verbreitung von Vorfällen zu beobachten, die die antisemitischen Massenverbrechen im Nationalsozialismus leugnen, verherrlichen oder die Erinnerung an die Opfer anfeinden. Besonders auffällig waren gezielte Sachbeschädigungen an Gedenkzeichen, etwa die Verwüstung einer Erinnerungstafel des „Stadtrundgangs durch das jüdische Halberstadt“ im Februar.

Einen großen Anstieg verzeichnete die RIAS-Meldestelle im Online-Bereich (100 Vorfälle gegenüber 39 im Vorjahr) – dieser ist auf zahlreiche antisemitische Kommentare mit Bezug zu Israel sowie auf rechtsextreme Anfeindungen und Einschüchterungsversuche gegenüber jüdischen Einrichtungen zurückzuführen. So erhielt die Jüdische Gemeinde Halle immer wieder Google-Rezensionen von anonymen Profilen, die den Namen des Attentäters beim Anschlag im Jahr 2019 trugen oder sich auf sonstige Weise positiv auf den Anschlag bezogen. Einige Rezensionen enthielten implizierte Drohungen wie Bilder der Tür zum Synagogengelände, die beim Livestream des Anschlags durch den Täter entstanden sind.

RIAS Sachsen-Anhalt konnte 166 der 270 Vorfälle einem konkreten politisch-weltanschaulichen Hintergrund zuordnen und verzeichnete 81 rechtsextreme und 39 links/antiimperialistische antisemitische Vorfälle. 30 weitere Vorfälle wurden dem spektrenübergreifenden antiisraelischen Aktivismus zugeschrieben.

Das anhaltend hohe Niveau antisemitischer Vorfälle spiegelt sich auch im dauerhaft erhöhten Beratungsbedarf wieder, den das Schwesterprojekt von RIAS Sachsen-Anhalt, Beratungsstandort OFEK Sachsen-Anhalt, verzeichnet. OFEK Sachsen-Anhalt leistet fachliche Rechtsberatung, psychosoziale Begleitung sowie Unterstützung bei Strafanzeigen und bietet stärkende Community-Angebote und antisemitismuskritische Fachberatung.

Stimmen zum Bericht „Antisemitische Vorfälle in Sachsen-Anhalt 2025“

Inessa Myslitska, Vorsitzende, und Rimma Fil, Geschäftsführerin, Landesverband jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt K.d.ö.R.:

»Antisemitismus hat viele Gesichter – doch keins ist harmlos. Die aktuellen Zahlen zeigen eine alarmierende Enthemmung, auch in Sachsen-Anhalt. Wir danken RIAS für die klare Dokumentation. Unsere Botschaft bleibt unverändert: Wir benennen Antisemitismus in jeder Form und bleiben wachsam, laut und präsent.«

Dr. Wolfgang Schneiß, Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt und gegen Antisemitismus:

»Der RIAS-Bericht 2025 zeigt einmal mehr: Antisemitismus verbindet und verstärkt, was ansonsten nicht zusammenfindet. Was wir hier lesen, sind Zahlen und Tendenzen. Aber dahinter stehen Menschen, die Dinge erleben, die niemand erleben möchte. Niemals dürfen wir uns daran gewöhnen. Die erfassten antisemitischen Vorfälle sind Beweise für Menschenverachtung, für Lüge, Leugnung und Hass.«

Marie-Kristin Batz und Dr. Michael Schüßler, Projektteam Meldestelle RIAS Sachsen-Anhalt:

»In den vergangenen Jahren und vor allem seit dem 7. Oktober 2023 ist auch in Sachsen-Anhalt Antisemitismus aus dem anti-israelischen Milieu und dem links-antiimperialistischen Spektrum in den Fokus der öffentlichen Debatten gerückt. Dabei darf nicht aus dem Blick geraten, dass es weiterhin zahlreiche antisemitische Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund gibt – deren Zahl 2025 sogar gestiegen ist. Die Meldungen an RIAS Sachsen-Anhalt zeugen davon, wie tief Antisemitismus im Alltagsgeschehen verankert ist und zugleich oft unmittelbar unter der Oberfläche liegt. So zeigt er sich immer wieder auch in scheinbar banalen Situationen – etwa in Nachbarschaftsstreitigkeiten oder im Arbeitskontext.«

Marina Chernivsky, Vorstand und Geschäftsführung, OFEK e.V. – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung:

»Der Bericht zeigt, dass Antisemitismus auch in Sachsen-Anhalt für Jüdinnen und Juden in allen sozialen Sphären eine konkrete Alltagserfahrung darstellt. Die dokumentierten Vorfälle verdeutlichen, wie vielfältig antisemitische Dispositionen in unserer Gesellschaft sind und wie sie sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen artikulieren. Der Bericht macht zugleich sichtbar, dass der Schutz jüdischen Lebens, die Unterstützung von Betroffenen und die konsequente Auseinandersetzung mit Antisemitismus eine dauerhafte gesellschaftliche und demokratische Aufgabe darstellen.«